Guy Fawkes und V wie Vendetta: Wie aus einem Anschlag eine Protestmaske wurde
Der 5. November erinnert an einen gescheiterten Anschlag von 1605. Heute begegnet uns das damit verbundene Gesicht in Geschichten über Widerstand und auf Protestmasken. Dazwischen liegt keine geheime politische Tradition, sondern ein Comic, der einem alten Zeichen eine neue Aufgabe gab.

Eine Guy-Fawkes-Puppe auf dem Scheiterhaufen und eine von V wie Vendetta inspirierte Maske erzählen fast gegensätzliche Geschichten. Die eine Tradition macht den Verschwörer zur Figur, die verbrannt wird. Die andere bietet sein Gesicht Menschen an, die widersprechen wollen. Derselbe historische Name trägt unterschiedliche Botschaften.
Zum 5. November 2026 lohnt deshalb eine Frage mehr als die nächste Sammlung kurioser Lebensdaten: Wie konnte dieses Zeichen seine Richtung wechseln? Die Antwort verlangt drei Unterscheidungen. Guy Fawkes war am Gunpowder Plot beteiligt. V ist eine Figur von Alan Moore und David Lloyd. Spätere Demonstrierende übernahmen deren Erscheinungsbild. Ein gemeinsames Bild ist noch kein gemeinsames politisches Programm.
Was geschah am 5. November 1605?
Guy Fawkes gehörte zu einer Gruppe katholischer Verschwörer, die König Jakob I. und die politische Führung Englands durch eine Explosion im Parlament töten wollten. Die treibende Kraft war Robert Catesby. Fawkes hatte als Soldat im Ausland Erfahrung gesammelt und übernahm die Bewachung des Schießpulvers unter dem Oberhaus. Bei den Durchsuchungen in der Nacht vom 4. auf den 5. November wurde er entdeckt, bevor der Plan ausgeführt werden konnte.
Die Darstellung von English Heritage ordnet den religiösen Hintergrund, die Ziele der Verschwörer und ihre Entdeckung ein. Dieser Zusammenhang ist entscheidend: Es ging um einen gewaltsamen Eingriff in die religiöse und politische Ordnung einer Monarchie. Fawkes als Vorkämpfer einer heutigen pluralistischen Demokratie darzustellen, würde ihm spätere Vorstellungen unterschieben.
Auch das Datum braucht eine genaue Bedeutung. Der 5. November bezeichnet das Scheitern des Anschlags. Er ist weder Fawkes’ Geburtstag noch sein Hinrichtungstag; die Hinrichtung folgte im Januar 1606. Erst mit dieser Trennung wird aus dem bekannten Namen eine nachvollziehbare Geschichte.
Bonfire Night feierte zunächst sein Scheitern
Am Anfang stand die Dankbarkeit für die Vereitelung des Komplotts. Wie die Geschichte der Gedenkfeiern bei English Heritage erläutert, wurden 1606 jährliche Gottesdienste am 5. November für englische Kirchen verpflichtend. Lagerfeuer und andere öffentliche Feiern kamen hinzu.
Dazu gehörte auch Feindseligkeit gegenüber Katholiken. Die Geschichte lässt sich deshalb weder auf ein zeitloses Volksfest noch auf eine Feier des Aufbegehrens reduzieren. Vertraute Bräuche entstanden zudem zu unterschiedlichen Zeiten. English Heritage unterscheidet frühere Papstpuppen von der im 19. Jahrhundert verbreiteten Guy-Fawkes-Figur.
Schon lange vor dem Comic wurde Erinnerung also gestaltet. Predigten, Straßenbräuche und Lagerfeuer machten aus einer komplizierten Verschwörung wenige einprägsame Elemente. Ein Name und eine Puppe ließen sich leichter wiederholen als die gesamte politische Vorgeschichte. Was Menschen am Jahrestag erinnern sollten, hing davon ab, wer ihn inszenierte.
Der Comic dreht den historischen Verweis um
In V wie Vendetta bekämpft der maskierte V einen fiktiven faschistischen Staat in Großbritannien. Alan Moore schrieb die Geschichte, David Lloyd zeichnete sie. Sie erschien zunächst von 1982 bis 1985 in Schwarz-Weiß im britischen Comicmagazin Warrior. Später druckte DC das Material neu und führte die Geschichte weiter. Das Comic Creators Project des Cartoon Museum dokumentiert diese Veröffentlichungsgeschichte anhand der Originalzeichnungen.
V ist keine verschlüsselte Biografie von Guy Fawkes. Der historische Bezug liefert ein bekanntes Datum, eine theatralische Erscheinung und die Verbindung zu einem Angriff auf das Parlament. Der Comic setzt diese Bausteine in einen anderen Konflikt ein. Man kann das Zitat erkennen, ohne beiden Figuren dieselben Überzeugungen zuzuschreiben.
Genau darin liegt der Bedeutungswechsel: Das Bild eines besiegten Gegners wird zur Erscheinungsform eines fiktiven Herausforderers staatlicher Macht. Gleichzeitig verbirgt die Maske ein gewöhnliches Gesicht. Identität wird etwas Inszeniertes und Wiederholbares. Das ist eine Lesart der Gestaltung, kein Beleg dafür, dass der historische Fawkes die politischen Ideen des Comics vorweggenommen hätte.
Zur Erklärung gehört deshalb auch die Urheberschaft. Dieses moderne Bild ist nicht fertig aus dem Jahr 1605 zu uns gekommen. Dahinter stehen konkrete kreative Entscheidungen. Wie leicht eine berühmte Figur die Arbeit an ihrer Entstehung verdeckt, zeigt auch NerdSpots Beitrag über Bob Kane, Bill Finger und Batmans zwei Schöpfer.
Der Film war eine weitere Adaption
Der Film brachte die Geschichte in ein anderes Medium. Das British Film Institute führt V wie Vendetta als Film von 2006 unter der Regie von James McTeigue. Das ist ein klarer Bezugspunkt für die Geschichte der Adaption, ohne die erzählte Zeit mit der Entstehungszeit zu verwechseln.
Diese Reihenfolge verhindert eine bequeme Verkürzung. Der Comic war Jahrzehnte vor dem Film da, der historische Anschlag Jahrhunderte vor beiden. Die Verfilmung ist weder der Ursprung aller Guy-Fawkes-Bilder noch eine Dokumentation des Komplotts. Sie adaptiert eine bereits fiktive Verwendung dieses Motivs.
Auf der Comicseite gewinnt ein unbewegtes Gesicht Bedeutung durch die Abfolge der Panels und das Lesetempo. Im Kino lenken Bildausschnitt, Ton und Darstellung die Aufmerksamkeit anders. Der Medienvergleich ist deshalb ergiebiger als die Erwartung, eine Fassung müsse die andere vollständig abbilden. Ein Gesicht kann den Wechsel überstehen, während sich seine erzählerische Umgebung verändert.
Ein Museumsobjekt belegt den nächsten Kontextwechsel
Ein konkretes Beispiel liefert der Sammlungseintrag des London Museum zu einer Occupy-Maske. Das Museum übernahm das Objekt im Oktober 2011 aus dem Protestcamp an der St Paul’s Cathedral. Der Eintrag verbindet die bei Occupy getragenen Masken mit der Erscheinung des Protagonisten aus Moores und Lloyds Comic.
Das ist aussagekräftiger als die pauschale Behauptung, „das Internet“ habe das Zeichen übernommen. Das Objekt besitzt einen Ort, ein Datum und eine Sammlungsgeschichte. Es belegt eine bestimmte Verwendung. Es beweist weder ein gemeinsames Motiv aller Maskenträger noch einen einzigen Ursprungsmoment sämtlicher Protestbewegungen.
Eine gemeinsame Maske lässt unterschiedliche Menschen vorübergehend ähnlich aussehen. Visuell kann dadurch die Gruppe an die Stelle einer benannten Einzelperson treten. Zugleich macht diese Übertragbarkeit das Zeichen mehrdeutig: Ein Foto verrät nicht automatisch die Ziele der Person dahinter. Wiedererkennen ist der Anfang des Verstehens.
Drei Fragen für den 5. November
Wer vom Eintrag im Nerd-Kalender zum Comic oder Film weitergeht, kann auf drei Dinge achten:
- Welcher Fawkes ist gemeint? Der historische Verschwörer, die verbrannte Puppe und das fiktive Zitat erfüllen verschiedene Rollen.
- Wer gibt dem Bild seine Bedeutung? Ein staatlicher Gedenktag, ein Comic und eine Demonstration verwenden denselben Namen anders.
- Was bleibt bei der Übertragung erhalten? Gesicht und Datum lassen sich leichter weitertragen als das gesamte politische Argument eines Werks.
Die Geschichte der Guy-Fawkes-Maske ist ein Bedeutungswechsel in mehreren Schritten. Ein vereitelter Anschlag wurde zur jährlichen Warnung, ein Comic deutete den Verweis um, spätere Träger brachten ihn in neue Zusammenhänge. Gerade diese Brüche machen den 5. November interessant. Vier Jahrhunderte werden verständlicher, wenn man sie nicht zu einer einzigen ununterbrochenen Rebellion zusammendrückt.
