Mad Hatter Day: Was 10/6 bedeutet – und warum immer sechs Uhr ist
Am 6. Oktober ist Mad Hatter Day. Die berühmte Aufschrift 10/6 am Hut bezeichnete jedoch zuerst einen Preis. Zum heutigen Anlass führt die Spur zu einer zweiten Frage: Warum rückt die Teegesellschaft ständig am Tisch weiter, ohne jemals voranzukommen?

Zylinder, Teetasse, Taschenuhr: Drei Gegenstände genügen, um eine vertraute Welt aufzurufen. Schnell wird daraus eine einfache Zusammenfassung. Ein sonderbarer Mann trägt einen auffälligen Hut, trinkt gern Tee und hat Probleme mit Uhren. Wer Lewis Carrolls Szene genauer liest, entdeckt hinter jedem Gegenstand eine andere Frage. Was wird hier verkauft? Welche Schreibweise macht Zahlen verständlich? Und was passiert, wenn eine Gewohnheit keinen Abschluss mehr findet?
Der Eintrag zum 6. Oktober im Nerd-Kalender bietet einen guten Anlass, diese Fragen auseinanderzuhalten. So entsteht mehr als eine Anleitung fürs passende Kostüm: eine kleine Entdeckungsreise zu den Regeln, die wir beim Lesen stillschweigend voraussetzen.
Was bedeutet 10/6 auf dem Hut?
Die Aufschrift bedeutet zehn Schilling und sechs Pence. Dafür braucht es weder einen geheimen Filmcode noch eine ausgeklügelte Fan-Theorie. Carroll erklärt den Preis selbst im zehnten Kapitel von The Nursery „Alice“, seiner Nacherzählung für kleinere Kinder. Der Hutmacher trägt Hüte zum Verkauf mit sich herum. Auch das Exemplar auf seinem eigenen Kopf gehört zum Angebot.
Damit bekommt das Bild einen zusätzlichen Witz. Der Hut ist Kleidungsstück und Ware zugleich. Sein Träger dient gewissermaßen als eigener Ausstellungsständer. Was wir heute als unverwechselbares persönliches Erkennungszeichen lesen, steckt noch mitten im gewöhnlichen Handel mit Dingen.
John Tenniels Illustration liefert das einprägsame Schild. Die Verbindung zum Kalender entsteht, wenn man 10/6 nach der amerikanischen Reihenfolge Monat/Tag liest: 6. Oktober.
Wer die Reihenfolge Tag/Monat gewohnt ist, erkennt in denselben Zeichen zunächst den 10. Juni. Hier scheitert niemand am Rechnen. Die Leser setzen lediglich unterschiedliche Konventionen voraus. Noch vor der Frage nach dem Zahlenwert steht deshalb die Frage, welche Art von Angabe überhaupt gemeint ist.
Ein Aktionstag ist kein erfundener Geburtstag
Auch Carroll-Fans verwenden das Datum: Im Programm der Lewis Carroll Society of North America von 2019 steht eine Teeparty zum Mad Hatter Day, ausdrücklich mit der Erklärung 10/6 gleich 6. Oktober.
Das belegt eine Feier. Es belegt weder einen Geburtstag der Figur noch das Datum der Teegesellschaft innerhalb der Erzählung. Die Unterscheidung nimmt dem Anlass nichts von seinem Reiz. Ein literarischer Aktionstag darf einfach eine spielerische Einladung sein, ein Kapitel wieder aufzuschlagen. Dafür muss er kein vermeintlich historisches Ereignis in der erfundenen Welt werden.
Auch der populäre Name ist bereits eine Verdichtung. Im englischen Text von Alice’s Adventures in Wonderland heißt die Figur gewöhnlich schlicht „the Hatter“, der Hutmacher. Viele begegnen ihr heute zuerst als „Mad Hatter“. Das Vorwissen aus der Popkultur hilft beim Wiedererkennen; wie die Szene funktioniert, zeigt erst der Text.
Warum bleibt es immer sechs Uhr?
Im siebten Kapitel des Originalromans erzählt der Hutmacher von seinem Streit mit der Zeit. Zeit erscheint dabei als Gegenüber, mit dem man sich gut oder schlecht verstehen kann. Nach einem missglückten Auftritt vor der Herzkönigin erfüllt sie seine Wünsche nicht mehr. Seitdem bleibt es sechs Uhr – und damit Teezeit.
Die beschädigte Taschenuhr und der Streit gehören zum selben Gespräch, erklären aber unterschiedliche Dinge. Der Märzhase hat Butter ins Uhrwerk getan. Alice wundert sich darüber, dass die Uhr den Monatstag statt der Stunde anzeigt. Die ewige Teezeit wiederum führt der Hutmacher auf sein Zerwürfnis mit der Zeit zurück. Wer alles auf ein defektes Uhrwerk reduziert, übersieht den Sprachwitz.
Carroll lässt alltägliche Formulierungen plötzlich wörtlich werden. Alice redet davon, Zeit besser zu nutzen und beim Musizieren den Takt zu schlagen. Ihr Gesprächspartner reagiert, als spräche sie über die Behandlung einer Person. Im Englischen verbindet das Wort „time“ diese Bedeutungen besonders eng. Der Satz klingt weiterhin ordentlich, während seine Bedeutung unbemerkt die Ebene wechselt.
Platzwechsel ist noch kein Fortschritt
Die wichtigste Folge betrifft den Abwasch. Weil immer Teezeit ist, bleibt keine Zwischenzeit zum Reinigen des Geschirrs. Also rückt die Gesellschaft weiter, sobald die Tassen benutzt sind. Alice fragt, was passiert, wenn alle wieder am Ausgangspunkt ankommen. Der Märzhase wechselt das Thema.
Man kann die Szene als Verfahren ohne Lösung lesen. Die Regel sagt zuverlässig, was als Nächstes zu tun ist: einen Platz weiterrücken. Sie erklärt jedoch nicht, wie wieder saubere Tassen entstehen oder wie die Runde endet. Das ist eine heutige Lesart der Szene, keine Behauptung, Carroll habe heimlich einen Ratgeber zur Arbeitsorganisation verfasst.
Der Unterschied wird am Tisch sichtbar. Plätze wechseln, Tassen wechseln, alle bleiben beschäftigt. Der Grundzustand bleibt bestehen. Als der Hutmacher später eine saubere Tasse fordert, nützt der Wechsel vor allem ihm. Alice landet dort, wo der Märzhase Milch verschüttet hat. Die Routine verteilt die Unannehmlichkeiten neu, statt sie zu beseitigen.
Wer gern über Spielregeln nachdenkt, kann daneben unseren Beitrag zu Figurenwahl und Rätseldesign in Maniac Mansion lesen. Dort verändern andere Beteiligte die verfügbaren Möglichkeiten. Am Teetisch hält das Verschieben der Beteiligten die Falle weitgehend aufrecht. Das ist ein Vergleich zweier Werke, kein behaupteter historischer Einfluss.
Der Unsinn braucht Alices Rückfragen
Alice reagiert keineswegs auf jede Absurdität begeistert. Sie bemerkt den fehlenden Wein, persönliche Sticheleien und Argumente, die sich während des Gesprächs verschieben. Ihre praktischen Einwände geben der Szene Widerstand. Ohne jemanden, der nach dem Funktionieren fragt, bliebe nur eine hübsch sonderbare Dekoration.
Selbst die sprachlichen Umkehrungen verlangen genaues Hinsehen. Zu sehen, was man isst, ist etwas anderes, als alles zu essen, was man sieht. Dieselben Wörter ergeben in veränderter Reihenfolge eine andere Aussage. Die Gesellschaft kann sich rücksichtslos benehmen und zugleich erstaunlich genau auf Bedeutungsunterschiede achten.
Schließlich geht Alice. Sie repariert weder die Zeit noch überredet sie ihre Gastgeber zum Abwasch. Ihr Aufbruch ist bedeutsam, weil er außerhalb der vorgegebenen Regel liegt. Ein weiterer Platzwechsel würde das Gespräch verlängern. Das Weggehen beendet ihre Teilnahme daran.
Eine gute Lektüre für den 6. Oktober
Lies das Kapitel mit drei Dingen im Hinterkopf: Hutschild, Taschenuhr und benutzte Tasse. Welche Information steckt jeweils darin? Welche Erwartung bringst du selbst mit? Achte dann auf die Stelle, an der Alice jene Frage stellt, die niemand am Tisch beantworten möchte.
Der Hut nennt einen Preis. Der Aktionstag leiht sich ein Datum. Der Tisch zeigt eine Routine ohne Abschluss. Am meisten bietet der Mad Hatter Day, wenn wir hinter dem Kostüm die Regeln erkennen, die seinen Unsinn möglich machen – und den Moment, an dem ein weiterer Platzwechsel nicht mehr hilft.
